Augustin, Nr. 84, Oktober 2001
Moša Šišics neue CD "Gipsy Express"


Die übergabe des Feuers
von Robert Sommer
Der Balkan beginnt bekanntlich in Wien. Einer der verkörperten Beweise dieser These ist Moša Šišic. "Wien hat dazumals nicht nur die Klassiker musikalisch inspiriert, sondern ehutzutage auch einen Zigeuner wie mich", sagt der Geiger, der im Alter von fünft Jahren mit seinen "Gastarbeiter-Eltern in der österreichischen Hauptstadt landete.
Mosa, alter Charmeur, überzeichnest du nicht die Rolle Wiens bei deiner Entfaltung zum Künstler? Das aktuelle unmusikalische Wien, in dem TouristInnen vergeblich auf der Suche nach Orten sind, wo Walzer getanzt wird - wen könnte dieses schon musikalisch inspirieren? Geh in die Fußballstadien Europas: überall wird in den Fanblocks gesunden. Und dann geh ins Rapid-Stadion, und du weißt, du bist in keiner musikalischen Stadt.
Alle diese Einwände wischt Moša Šišic vom Tisch: "Gut, vielleicht singen die Leute in Wien nicht so sehr. Aber der Geist der Musik schwebt über dieser Stadt, der Geist von Mozart und Strauß."
Mosa spürt ihn, und aus. Der Autorität dessen, der aus einer Roma-Familie kommt, die eine Verköprerung von musikalischer Kontinuität über Generationen hinweg darstellt, kann hier nichts mehr entgegengesetzt werden. "Der Name Šišic ist in Jugoslawien ein Begriff", sagt Šišic. Der berühmteste aller Geiger seines Chlans war der cousin seines Vaters. Und natürlich war auch der Vater selbst (er hat Wien inzwischen verlassen und lebt wieder in Serbien) ein Geiger, bevor er zum Arbeitsemigranten ernüchterte. Bei ihm hat der kleine Mosa das Geigenspiel gelernt. Also war doch eher das familiäre Erbe für Mosas Hinwendung zur Musik verantwortlich, als die Aura der Strauß-Stadt? Eine unfruchtbare Debatte.
In Wien hat Moša Šišic einen Stil entwickelt, der über die traditionelle Romamusik des Balkans hinausgeht und viele Elemente der Musik des Orients, aber auch anderer Musikkulturen enthält. Aber das haben die musizierenden Zigeuner ja schon immer gemacht. Elemente gesammelt. Wer wandert, kann gut Fremdes sammeln. Das zeichnete Romamusiker immer schon aus, - dass sie ständig Neues in ihre Musik integrieren oder Altes auf neue Weise interpretieren. Mosa ist insofern ein treuer Fortsetzer einer Tradition, aber nochmals legt er Wert auf die Btonung: "Doch die Musik, die ich entwickelt habe, habe ich in WIEN entwickelt."
"Wiener Melange" heißt dann auch der eben erschienenen zweiten CD ein Stück im Neun-Achtel-Takt, als Mosas Hommage an die "multikulturelle Mischung in Wien" angelegt. Es ist ein von Mosa komponiertes Stück, ebenso wie fast alle anderen Tracks auf der CD "Gipsy Express": nur zwei Stücke sind traditionelle Melodien, und die letzte Nummer auf der Scheibe, "Mosas Euro-Vision", basiert auf der bekannten Eurovisions-Melodie von M.A. Charpentier.
Der Titel der CD gibt das Bild wieder, das Moša Šišic im Kopf hat: "Da steht ein Zug am Südbahnhof. Und ich lade die Leute ein, einzusteigen und langsam durch den Balkan zu reisen. Durch den ganzen Balkan, mit allen seinen musikalischen Ecken. Vor allem auch in die Ecken, in denen die Türken ihre Spuren hinterlassen haben." Die Nummer "A la Turca" auf der CD ist Mosas deutlichster Hinweis auf die orientalischen Wurzeln der Roma- und Balkan-Musik.
In der Lokomotive des "Gipsy Express" sitzt Mosas ganze Familie, Jasmina Šišic, die Ehefrau, ist als Sängerin und Keyboarderin (bei Live-Auftritten auch als Tänzerin) - und als diejenige, der es immer gelingt, still sitzendes Publikum zur Bewegung zu animieren) mit von der Partie. Für die Lieder hat Jasmina sämtliche Texte geschrieben - allesamt in Romanes, der Sprache der Zigeuner. Sie hilft Mosa auch beim Arrangieren. Sohn Mikica, mit seinen 14 Jahren das jüngste Bandmitglied, beherrscht das Schlagzeug, die Darabuka und die Bongos. Die eigentliche "übergabe des Feuers" war in Form des Geigenunterrichts erfolgt, den Miki von seinem Vater genoss. Mit Josef Brachner ist schließich auch ein Gadjo in MOsas Kapelle vertretten. Mit der Gitarre und der Flöte - und seiner Liebe zur Weltmusik - passt er hervorragend in das zigeunerische Gefüge.
Stichwort Weltmusik: Die Profilierung dieser Richtug im Musikgeschehen, speziell auch die Balkan-Musikwelle, die im Gefolge von Kusturicas Film-Sounds durch Westeuropa schwappt,. sind Tendenzen, die Moša Šišic in den letzten Jahren junges, gebildetes, urbanes österreichisches Publikum erschlossen. Das erlaubte dem in Wien ausgebildeten Geiger, sich zunächst über den Rand der "Gastarbeiter"-Szene hinauszuwagen und schließlich jenseits dieser hermetischen Welt fußzufassen. "Vor Jugo-Publikum zu spielen heißt, anders zu spielen. Das heißt: auf Bestellung zu spielen. Immer dieselben bekannten Lieder. Ein Musiker muss dazu bereit sein. Ich liebe es ja auch sehr, auf jugoslawischen Hocheziten aufzugeigen. Oder bei Taufen. Diese Fest erinnern mich daran, wo Zigeunermusik ursprünglich gespielt wurde, und die Stimmung ist bei Anlässen wie Hochzeit oder Taufe besonders gut. Aber wirklich entfalten kann ich mich als Musiker nur, wenn ich spiele, was ich selbst entwickelt habe. Nur so kann ich meine Höhen und Tiefen durchleben. Der Preis dafür ist, dass das angestammte jugoslawische Publikum etwas verloren geht."